„Ich will Live-Musik in Kuba“

Er ist 73 Jahre alt, aber er kann es nicht lassen. Der Paderborner Franz Alsters muss einfach reisen. Ein Interview über nackte Japaner, wissbegierige Haitianer und Rum in Kuba.

Aus der Nachbarschaft: Herr Alsters: Sagen Freunde manchmal zu Ihnen, dass Sie bekloppt sind?

Franz Alsters: „Bisher eigentlich nicht. Sogar meine Frau ist in der Regel mit den Reisen einverstanden. Meine Kinder fragen manchmal, ob das wirklich sein muss, dass ich auch nach Haiti gehe. Da sei es doch so unsicher, da gäbe es Mord und Totschlag. Da haben sie auch nicht ganz Unrecht, aber man kann sowieso nicht vor allem weglaufen und passieren kann einem hier auch etwas.“

 

ADN: Welche war denn ihre spektakulärste Reise?

Alsters: „Das war meine erste große Weltreise. Die Idee dazu hatte meine Frau, wobei sie nur nach Neuseeland wollte. Wir sind dann von Paderborn über Frankfurt nach Singapur. Dann nach Bali und weiter nach Australien. Da haben wir uns ein Wohnmobil für fünf Leute gemietet und sind vom Norden bis in die Mitte Australiens gefahren, bis zum Ayers Rock. In Australien habe ich zum ersten Mal richtig Urwald erlebt, mit Schlangen und giftigen Spinnen. Wir sind dann auch zwei Tage mit dem Bummelzug durch Australien gefahren. In Australien waren wir drei Monate, anschließend fünf Monate in Neuseeland. Unsere Kinder sind dort sogar zur Schule gegangen. Ich habe als Handwerker ein bisschen in einer Lüftungsfirma mitgearbeitet, meine Frau hat als Lehrerin Schulen besucht. Dann ging es weiter auf die Cook-Islands, danach Richtung Los Angeles, Grand Canyon und Vancouver. Von dort ging es zurück nach Deutschland. Unser Sohn hatte nach Neuseeland übrigens die Nase voll, er wollte nach Hause. Da haben wir ihn in Auckland ins Flugzeug gesetzt und er ist dann als 15-Jähriger alleine über Los Angeles und Frankfurt zurück nach Paderborn geflogen.“

 

ADN: Gab es da schon Momente, in denen Sie gedacht haben, dass Sie gar nicht mehr zurückkehren?

Alsters: „Nein, eigentlich nicht. Wenn man all die Länder, in denen ich war, betrachtet, dann ist Deutschland für mich weiter die beste Basis, um zu leben. Wir haben in Deutschland alles, wir müssen uns keine Sorgen machen. Ich war ja auch selbständiger Handwerker in Deutschland. Für uns kam das gar nicht in Frage, irgendwo für immer bleiben zu wollen. Wir haben uns immer gesagt: Wir können ja wieder los.“

Allein unter nackten Japanern

ADN: Was haben Sie sonst noch auf den Reisen erlebt?

Alsters: „Wir haben noch eine weitere Weltreise gemacht. Da sind wir neun Monate mit einem Wohnmobil durch Kanada, dann nach Japan. Dort hat uns unser ältester Sohn besucht und uns ein Zugticket organisiert. Da sind wir mit dem Shinkansen erst nach Sapporo und dann zurück nach Hiroshima und Tokio gefahren. Wir haben in Japan auch mehrfach in einem Ryokan übernachtet, also ein Gästehaus, in dem man nur auf Bastmatten schläft. Es gibt eine gemeinsame Küche, man lebt in Gemeinschaft. Wir sind aber auch mutig gewesen und sind an die Nord-West-Küste Japans gereist. Dort konnte niemand englisch oder deutsch. Aber wir haben dort ein Onsenbad genossen. 

 

ADN: Was ist denn ein Onsenbad?

Alsters: „Das ist ein typisch japanisches Bad. Da muss man sich vorher gründlich waschen und duschen, also richtig reinigen. Dann legt man sich, getrennt nach Männern und Frauen, in einen großen Pool. Nach einer Stunde geht man wieder raus, bekommt einen Bademantel und Schlappen. Über uns Deutsche hat sich niemand gewundert.“

 

ADN: Warum müssen Sie denn überhaupt immer reisen?

Alsters: „Einmal die Bewegung. Ich finde es einfach super, unterwegs zu sein. Und ich will Land und Leute kennenlernen. Ich spreche recht gut französisch und englisch, dadurch hatte ich fast überall guten Kontakt zu den Menschen, sogar in Kuba, wo ja eigentlich spanisch gesprochen wird. Ich kann nicht im Hotel sitzen, ich gehe auch nicht länger als einen Tag an den Strand. Ich will Tiere und Landschaften kennenlernen und Menschen treffen. In den letzten beiden Jahren war ich zum Beispiel viermal in Marokko und habe dort in Familien gelebt. Das war eine so tolle Zeit. Ich habe zum Beispiel viel über den Islam gelernt. Immer wieder neue Menschen, immer wieder.

„Ich habe Respekt, aber keine Angst“

ADN: Sie sind aber nicht nur zum Vergnügen unterwegs. In Marokko zum Beispiel waren Sie für den SES, eine Stiftung der deutschen Wirtschaft, die in Kooperation mit der Bundesregierung junggebliebene Senioren rekrutiert…

Alsters. „…um sie dann ins Ausland zu schicken und dort in einem Fachgebiet junge Leute anzulernen. Das ist Hilfe zur Selbsthilfe. Ich bin zum Beispiel für die Themen Elektrotechnik, Sonnenstrom und Sonnenwärme unterwegs. Der SES vermittelt aber auch Bäcker, Lehrer oder Psychologen. Immer an Länder, die Hilfe brauchen.“

 

ADN: Hatten Sie denn nie Angst vor den Reisen?

Alsters: „Ich unterscheide zwischen Angst und Respekt. Ich war immer vorsichtig, habe immer Respekt gehabt. Ich bin nie leichtsinnig gewesen. Port-au-Prince ist seit dem Erdbeben bekannt für Verbrecherbanden. Haiti hat keine funktionierende Regierung, es gibt keinen Rechtsstaat. Jeder schlägt sich durch. Aber Angst habe ich nie gehabt. Ich bin als Lehrer und als Monteur in diesem Land gewesen, auch für die Paderborner Biohaus-Stiftung. Fünfmal war ich als Lehrer in Haiti. Das macht riesigen Spaß. Die jungen Leute dort sind so wissbegierig. Ich habe auch meiner Frau gesagt, dass sie sich dort als Englisch-Lehrerin engagieren soll. Sie will aber noch nicht so.“

 

ADN: Jetzt geht es ja bald noch mal Richtung Kuba. Zusammen mit ihrer Frau machen Sie dort eine Fahrradreise. Wer hatte wiederum diese schräge Idee?

Alsters: „Ich habe schon zwei Fahrradreisen durch Kuba gemacht. Einmal sechs, einmal acht Wochen. Dann habe ich irgendwann zu meiner Frau gesagt: Wir können doch schön mal zusammen durch Kuba fahren. Darauf sagt sie zu meiner großen Überraschung Ja. Wir nehmen aber unsere eigenen Räder mit. Auf so einer Reise, auf der wir 2.500 Kilometer fahren, da will ich kein fremdes Rad mit Macken haben. Ich habe alles vorbereitet. Das einzige Zimmer, das wir gebucht haben, ist für die erste Nacht. Sonst haben wir gar nichts gebucht, kein Zimmer, keine Tour. Ich gehe aber davon aus, dass wir immer einen Übernachtungsplatz finden. Es gibt ja über das ganze Land verteilt Privatunterkünfte, die unübertroffen preiswert sind. Da können Sie für etwa 25 Euro zu zweit inklusive Frühstück übernachten. Wir würden ja auch gerne zelten aber das ist in Kuba nicht erlaubt. Es gibt auch kaum Zeltplätze. Pro Tag fahren wir im Schnitt 50 bis 60 Kilometer, manchmal auch 90. Wir haben viel Gepäck dabei und eine Sonnenbrille auf der Nase. In Kuba gehe ich dann auch mal an den Strand. Es gibt dort wunderschöne Strände. Wir müssen nur schauen, was die Hurrikans machen.“

„In Kuba hole ich mir wieder Kakaobohnen, meine Frau trinkt Rum“

ADN: Würden Sie sich selbst als rastlos bezeichnen?

Alsters: „Ja, schon. Wenn ich zu Hause mal auf der Couch sitze, dann nur mit einem guten Buch. Aktuell aktualisiere ich aber auch meine Vorträge für die nächsten SES-Reisen und lerne spanisch.“

 

ADN: Was hat sich denn auf den Reisen im Lauf der Jahre verändert?

Alsters: „Wenn Sie nicht weiter fragen, sage ich Ihnen: Ich trinke seit 25 Jahren keinen Tropfen Alkohol mehr. Geraucht habe ich seit 38 Jahren nicht mehr. Meine Frau freut sich aber schon auf den Rotwein und den Rum in Kuba. Ich freue mich auf die wunderschöne Live-Musik, die es in Kuba überall noch gibt. Sie bekommen auch alles zu Essen, alle Früchte dieser Welt. Ich hole mir dort immer Kakaobohnen, die ich dann hier zu Hause esse.“

 

ADN: Wie lange kann es und soll es denn noch so weitergehen? Ab wann reisen Sie nur noch an den Tegernsee statt nach Kuba?

Alsters: „Ich denke immer nur an das nächste Jahr. Fest steht schon jetzt eine vierwöchige Reise nach Haiti. Außerdem würden wir gerne noch Osteuropa erkunden, Westeuropa haben wir ja soweit durch. Albanien, Kroatien, Griechenland und dann wieder zurück. Wir haben vor vielen Jahren richtig gehandelt, wir haben damals einen VW T4 gekauft. Der eignet sich heute bestens als Hotelzimmerchen. Da müssen wir nicht jeden Abend ein Zimmer suchen. Da stellen wir uns irgendwo hin. Da ist der Traum von meiner Frau und mir. 

 

ADN: Sind Sie im Herzen 68er?

Alsters: „Zumindest sehen wir, wenn wir mit dem Bulli unterwegs sind, mit wie wenig man auskommt. Wir haben keine Toilette, Küche oder Dusche an Bord. Aber wir haben eine Flasche Wasser dabei. Wir haben eine Matratze, die ist 1,40m mal 1,90m – da liegt es sich wunderbar drauf. Das reicht.“

 

ADN: Haben Sie noch Reiseziele, von denen Sie träumen?

Alsters: „Ich würde gerne noch nach Südamerika aber da spielt meine Frau konsequent nicht mit. Sie sagt, dass man zu viel Negatives über Südamerika hört. Unsere Tochter war allerdings jetzt dort, um eine Freundin in Peru zu besuchen. Der ist auch nichts Böses passiert. Also mich würde es schon interessieren, von Latein-, über Mittel- nach Südamerika zu reisen. Wenn ich doch 20 Jahre jünger wäre.“

 

ADN: Vielen Dank, Herr Alsters.

 

Interview: Tobias Fenneker

Kommentar schreiben

Kommentare: 0