Große Karriere auf Umwegen - Sopranistin Ina Siedlaczek

Dass Ina Siedlaczeks erstes Solo-Album aus dem Jahr 2014 den Titel „Fortuna Scherzosa“ trägt und sich mit Hoffnung und der Sehnsucht nach Glück beschäftigt, kommt nicht ganz von ungefähr. „Glück ist etwas, was mich sehr beschäftigt, was Menschen bewegt und für mich viel mit Singen zu tun hat“, erzählt die Musikerin bei einer Tasse Kaffee bzw. Tee in ihren vier Wänden – einem alten Pfarrhaus in Paderborn. Ich sitze zusammen mit der Frau, über die der MDR Figaro einmal sagte: „Ina Siedlaczek, den Namen sollte man sich übrigens merken. Das ist eine deutsche Sopranistin mit einer wunderschön lyrischen Stimme, sehr natürlich, ganz und gar unprätentiös.“

 

Dass sie heute zu Deutschlands erfolgreichsten Barock-Sopranistinnen zählt, hat mit einer wegweisenden Entscheidung zu – neben Mut, Schicksal, harter Arbeit und irgendwie halt auch ein wenig Glück. Lange sah es nämlich nicht danach aus, als ob Ina Siedlaczek den Weg einer Berufsmusikerin einschlägt. „Ich habe schon immer gerne gesungen, im Kinder- oder Schulchor. Schon damals wurde mir immer wieder bestätigt, dass ich eine schöne Stimme habe“, erinnert sie sich an die Anfänge. Was ihr damals allerdings fehlt, ist der Mut, sich voll und ganz der Musik zu widmen. „Ich habe mich nicht getraut, allein Gesangsunterricht zu nehmen. Die Stimme ist etwas sehr persönliches, das man nicht so einfach preisgibt.“

 

Die Karriereleiter hochgesprungen

 

Also konzentriert sie sich weiter auf ihre Schullaufbahn, studiert anschließend Psychologie und Musiktherapie in Heidelberg. Statt selbst zu singen, arbeitet Ina Siedlaczek als Musiktherapeutin in Ludwigshafen – bis sie 2004 zum ersten Mal Mutter wird. Es ist der Wendepunkt in ihrem Leben, an dem sie beschließt, nun alles auf die Musik-Karriere zu setzen. „Zuvor war ich wahrscheinlich noch nicht reif genug für diesen Schritt, aber dann fühlte es sich richtig an.“ Ihr Mut soll sich auszahlen. Sie schließt Gesangs-Studien an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim (HFM) an und absolviert Meisterkurse bei Sopran-Größen wie Emma Kirkby oder Barbara Schlick. Zuletzt, mit Anfang 30 absolviert sie noch einen Exzellenzstudiengang "Barock Vocal" an der HfM Mainz.

 

Ina Siedlaczek bewirbt sich erfolgreich für Vorsingen und erhält später Anfragen renommierter Ensembles. „Es ist damals wirklich gut gestartet“, blickt die gebürtige Hertenerin zufrieden zurück. Zwischen dem Start in die Gesangskarriere und dem großen Durchbruch steht 2007 der Umzug nach Paderborn. Hier lebt sie zusammen mit ihrem Ehemann Thomas Berning, dem Domkapellmeister am Hohen Dom zu Paderborn. „Er war mein Orgellehrer und versteht durch den musikalischen Hintergrund natürlich meine Motivation“, verrät die 41-jährige Wahl-Paderbornerin. Die Familie komplett machen die Kinder Milena (13) und Kolja (10).

 

Konzerte und Festivals in ganz Europa

 

Die Karriere nimmt unterdessen ihren Lauf und geht spätestens seit 2010 steil nach oben: Die Konzerthäuser wurden größer, die Reisen weiter. Heute singt Ina Siedlaczek bei Konzerten und Festivals in ganz Europa. Amsterdam, Wien, Leipzig, Dresden – überall erklang ihre starke Stimme bereits. Ihr persönliches Highlight ist der Auftritt in der Dresdner Frauenkirche. „In solchen Konzerthäusern singen zu dürfen, ist ein Geschenk“, sagt die Sopranistin beeindruckt. Nach ihrem erfolgreichen Debüt-Album – nominiert für den International Classic Music Award 2015 - ist erst kürzlich ihre zweite Solo-Platte mit dem Titel „Händel - Neun deutsche Arien“ erschienen. Noch am Erscheinungstag steigt das deutschsprachige Album in die iTune-Chats ein. BBC berichtet darüber, die Hörfunk-Anstalten von WDR und MDR sowie die Fachpresse in Holland und Großbritannien. Die Künstlerin selbst ist zufrieden mit dem internationalen Presse-Echo und den Verkaufszahlen.

 

Zwei bis drei Konzerte im Monat sind es aktuell, bei denen Ina Siedlaczek auftritt. In der Festivalsaison ist sie deutlich häufiger unterwegs. Ihr Zuhause in Paderborn und das Zusammensein mit der Familie ist der Ruhepol zwischen den Konzertreisen. Dass Lego-Steine neben dem Notenständer im Wohnzimmer liegen, ist ein exemplarisches Bild für ihre Doppelrolle als Künstlerin und Mutter. „Es bedarf viel Disziplin und Organisation, Karriere und Familie unter einen Hut zu bekommen“, sagt sie und relativiert ein wenig: „Es wird aber immer leichter, je älter die Kinder werden.“ Viele Zettel schreibt die Mutter, während sie zu Konzerten unterwegs ist. Ihrem Mann ist sie sehr dankbar, „der viel auffängt“.

 

Tägliches Training und eiserne Disziplin

 

Um ihr Stimm-Niveau weiter zu halten und wenn möglich noch zu verbessern, ist tägliches Training nötig. Das Cembalo im Esszimmer und der Flügel im Wohnzimmer stehen jederzeit zum Einsatz bereit. Ihre Stimme und die damit verbundene Karriere seien ihr keineswegs einfach so in den Schoß gefallen, macht die Sopranistin deutlich: „30 Prozent ist es natürliche Gabe, 70 Prozent harte Arbeit.“ Es sei toll, die Erfolge zu registrieren – der Weg dorthin sei aber eben auch anspruchsvoll. Disziplin braucht es dafür in allen Bereichen. Ina Siedlaczek erzählt, dass sie im Winter eigentlich nie ohne Schal aus dem Haus geht, um sich keine Erkältung einzufangen. Sie trinkt viel Salbai-Tee, der gut für die Stimme ist, und verzichtet rund um Auftritte auf Alkohol – alles für die Stimme, ihr wichtigstes Organ.

 

Schreien ist auch zu Hause tabu

 

Deshalb ist auch Schreien tabu: „In der Familie haben wir einen bestimmten Pfiff als Signal eingeführt, anstatt zu rufen“, verrät sie. Nicht wundern sollte sich, wer ihre beeindruckende Stimme in der Bartholomäuskapelle am Paderborner Dom mal hören sollte. „Die Akkustik ist einzigartig“, schwärmt die Sängerin, „mit der Familie haben wir dort schon häufiger gesungen“. Im Hohen Dom selbst hat sie bereits im Rahmen eines öffentlichen Konzerts gesungen – und überhaupt, findet sie, habe Paderborn etwa mit der Philharmonischen Gesellschaft und der städtischen Musikschule einiges zu bieten auf diesem Gebiet.

 

Einen neuen Höhepunkt ihrer Karriere dürfte die USA-Tour im kommenden Jahr markieren, bei der sie mit dem Boston Early Music Ensemble in verschiedenen Städten der Vereinigten Staaten von Amerika auftritt. „Ein Traum, mehr kann ich eigentlich nicht erwarten", gerät die sonst so bescheidene Frau beim Gedanken daran ins Schwärmen. Der Satz „Ich habe alles richtig gemacht und mehr erreicht, als ich erwarten durfte“, klingt demütig und selbstbewusst zugleich aus ihrem Mund. Eines scheint sicher: Man wird noch von Ina Siedlaczek hören...

 

Autor: Björn Theis

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