Gestatten, Thomas Stolz: Hobby-Biker, Fallschirm-Springer, Militärseelsorger und Pfarrer

„Auch wenn ich an die vielen Kinder denke, in den Vorstädten von Kabul. Manche liefen mit Krücken, weil sie ein Bein verloren hatten. Alles nur wegen dieses blödsinnigen Krieges. Da fragt man sich schon, wofür machen wir den ganzen Zirkus da. Aber ich kann die Welt nicht retten, ich kann nur versuchen, dass es da, wo ich stehe, einigermaßen rund läuft.“ Der Paderborner Pfarrer Thomas Stolz war als Militärseelsorger in den Krisengebieten der Welt unterwegs.

 

Alles auf Anfang

Halbglatze, leichte Plauze, einen ausgebeulten Pullunder über dem Kollar und dazu schlabbrige Altherren-Bundfaltenhosen. Das dürfte so in etwa das Stereotyp eines Geistlichen sein. Mit diesem Bild im Kopf fuhr ich zum Pfarrhaus der Kirchengemeinde St. Bonifatius in der Paderborner Stadtheide. Ich hatte einen Interview-Termin mit dem Pfarrer Thomas Stolz. Als ich an dem schicken Haus ankam, war ein Baugerüst drum herum gebaut. Es wurde renoviert. Ich klingelte und wartete. Keiner machte auf und als ich schon Kehrt machte, ging die Tür auf. Ich drehte mich um und roch ein herbes Männer-Parfum.

 

Der große Mann in der Tür bedeutete mir einzutreten. Er sagte nichts, denn er telefonierte gerade. „Busy“, dachte ich und verdrehte in Gedanken die Augen. „Egal, immerhin riecht er gut.“ Die Erscheinung in modisch-engen Chinos, lockerem weißen Hemd und derben Stiefeln geleitete mich durch das Haus zum Büro, in dem ich mich in einen super-stylischen Leder-Sessel fallen ließ. Das Büro war zum Garten hin gelegen mit zwei großen, bodenlangen Fenstern mit Fensterläden im Kolonialstil. „Schick“, dachte ich und wurde langsam nervös, „Wo ist der Pfarrer und was will dieser Business-Typ?“

 

Der Mann mit angewachsenem Telefon legte auf, kam zu mir herüber, streckte die Hand zum Schütteln aus und sagte: „Hi, sorry, Thomas Stolz!“ So viel zum Thema Schubladen-Denken. In keine der von mir in meinem Leben gebauten und konstruierten Schubladen passt dieser Mensch hinein. Für ihn muss erst eine gebaut werden: Die Abenteurer-, Fernweh-Haber-, Fallschirm-Springer, Hobby-Biker-, Gläubiger-, Gottesarbeiter- und nicht zuletzt Militärseelsorger-Schublade.

 

Vom behüteten Land ins Kriegsgebiet

 

Aufgewachsen ist Thomas Stolz in den 60er- und 70er-Jahren in einem kleinen, behüteten Dorf in der Nähe von Siegen. Er absolvierte eine Lehre zum Werkzeugmacher. 1985 beschloss er, Philosophie und Theologie unter anderem in Paderborn zu studieren. Ein beschauliches Leben, unaufgeregt. Über fünfzehn Jahre später kniet der Pfarrer in der afghanischen Wüste auf einer Pritsche in einem Militär-LKW und segnet amerikanische Soldaten: „Ich habe ein Kreuz auf ihre Stirn gezeichnet. Beziehungsweise das wollte ich. Da war keine Stirn mehr“, erzählte er gerade heraus, als seien es die Erinnerungen eines anderen. Die Soldaten waren in eine Sprengfalle geraten, nur noch ihre Splitterschutzwesten hatten ihre zerfetzten Körper zusammengehalten.

 

Es war eine Szene, die sich für immer in sein Gedächtnis gebrannt hatte: „Mit gewissen Bildern schließt man nie ab. Sie bleiben und kommen immer wieder. Das zu verarbeiten, ist ein langer Prozess.“ Geholfen habe ihm dabei sein Glaube. Von 1996 bis 2007 war Thomas Stolz immer wieder für mehrere Monate eingesetzt als Militärseelsorger unter anderem bei den Kommando Spezialkräften der deutschen Bundeswehr in Kriegsgebieten wie Afghanistan, dem Irak oder auch Afrika. Angst? Er winkte ab: „Unter Männern gibt’s keine Angst“, sagte er und fängt laut an zu lachen. Das war natürlich ein Scherz. „Na logisch! Wenn das rummst und die Angriffe mit Raketen und Granaten kommen, dann zuckt man schon zusammen!“ Aber mit der Zeit gewöhne man sich eben daran, man müsse seinen Job machen und das könne man nicht, wenn man es zuließe, dass die Furcht einen permanent lähmt.

 

"Ich kann die Welt nicht retten, aber..."

 

Tod gehörte zum Alltagsgeschäft, sagte er. Soldaten, die zu Freunden wurden, starben in seinen Händen, während er nichts weiter tun konnte, als sie so lange festzuhalten, bis sie es geschafft hatten. „Auch wenn ich an die vielen Kinder denke, in den Vorstädten von Kabul, kaum etwas am Leib, nur mit Kittelchen bedeckt, barfuß. Manche liefen mit Krücken, weil sie ein Bein verloren hatten. Alles nur wegen dieses blödsinnigen Krieges. Da fragt man sich schon, wofür machen wir den ganzen Zirkus da, ohne Zweifel. Aber ich wusste, dass ich da nichts tun kann, da bin ich kein Traumtänzer. Ich kann die Welt nicht retten, ich kann nur versuchen, dass es da, wo ich stehe, einigermaßen rund läuft.“ Außerdem ginge es für ihn nicht darum, ob er Krieg für gut oder schlecht halte, sondern darum, für die Kameraden da zu sein. „Soldaten sind Menschen, wie andere auch. Und sie haben ein Anrecht auf Seelsorge in schwierigen Lebenssituationen. Ob man immer die richtige Antwort hat, das steht auf einem anderen Blatt.“

 

Aber er war für Sie da, für „seine Jungs“, wie er sie selbst immer wieder nannte. Als gelernter Werkzeugbauer und Mann vom Dorf konnte er sich handwerklich nützlich machen. Er hat kleine, provisorische Häuser gebaut, eine Dusch-Vorrichtung, einen Aufenthaltsraum mit einer kleinen Bar, die die Soldaten und er ironischerweise „Tali-Bar“ tauften. Ein bisschen Spaß musste zwischen all dem Ernst eben sein. Er hat sich um alles gekümmert, was anfiel, auch um die Entsorgung der Notdurft: „Die musste verbrannt werden. Und da waren am Anfang nur die kleinen Soldaten für zuständig. Das fand ich blöd, ich habe mich dafür eingesetzt, dass auch die Offiziere mal die Scheiße verbrennen mussten“ – ein Pfarrer mit Gerechtigkeitssinn eben.

 

Papa vom Dienst

 

Für die Soldaten war er der Papa vom Dienst: „Da muss man Ordnung reinbringen, in so einen Sauhaufen,“ sagte er grinsend, „sonst verwildern die Jungs.“ Das hieß: Ein strukturierter Tagesablauf und feste Essenszeiten, essen an einem gescheiten Tisch mit Messer und Gabel, wie zu Hause bei Mutti. Er organisierte kleine Feiern und Grill-Abende, sogar mit T-Bone-Steaks – alles, um die Soldaten im Krieg für ein paar Momente auch Menschen sein zu lassen. „Man ist da eng beieinander, 24 Stunden am Tag, über mehrere Wochen und Monate und da lernt man sich sehr gut kennen.“ Ob die Frau zu Hause das gemeinsame Kind bekam, ob Vater oder Mutter gestorben ist – all diese Sorgen seiner Kameraden hat Thomas Stolz versucht aufzufangen: „Mit der Zeit öffnen sich dann auch die Männer, wenn sie ein gewisses Vertrauen bekommen haben, dann kennt man alle Lebensgeschichten und alle Probleme.“

 

Anfangs, erzählte er, stand er immer fast allein vor seinem improvisierten Altar und hat gebetet. Zum Schluss, nachdem ihn die Männer kennengelernt hatten, kamen alle, die konnten, zu seinen Predigten. Es entstanden Freundschaften, die bis heute anhalten. Auch das hat Stolz während seiner Zeit im Kriegsgeschehen erfahren: Zusammenhalt, Freundschaft, Dankbarkeit – auch im Kontakt mit vielen Einheimischen. „Für sie war ich oft wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Ein großgewachsener Mann mit weißem Haar, eine Erscheinung“, erzählte er und lachte wieder. Auch für sie baute der Pfarrer, was nötig war, zum Beispiel einen Brunnen für eine Schule. Zwischen all den Bombenangriffen, dem Raketen- und Granaten-Beschuss, gab es auch Momente vollkommenster Ruhe. „Das waren die Nächte unter dem sternenklaren Himmel. Das kennen wir hier gar nicht. In Afghanistan brennen nachts keine Lichter, es leuchten nur die Sterne am ganzen Himmel wie ein weißer Teppich. Gigantisch.“

 

Jeder Tag ist ein Geschenk

 

Das Schöne im Schrecklichen zu erkennen, ist eine Eigenschaft, die Thomas Stolz ausmacht. Diese Jahre im Krieg haben ihn vor allem dankbar dafür gemacht, im Frieden geboren zu sein und hier leben zu dürfen: „Diese Zeit hat mir offenbart, wie wertvoll so ein Leben ist. Jeder Tag ist letztendlich ein Geschenk.“ Nachdem er beschlossen hat, den Krieg für immer hinter sich zu lassen, die Pfarrstelle in Paderborn anzunehmen und zumindest für eine Zeit sesshaft zu werden, hat er aber auch festgestellt, dass er mit dieser Dankbarkeit relativ einsam ist. „Man kommt nach Deutschland zurück und fragt sich, was mit den Menschen hier los ist. Die Leute haben Probleme, wo man sich fragt: Habt ihr sie noch alle?“

 

Ständiges, belangloses Beschweren über das Wetter. Menschen, die sich im Urlaub das Essen regelrecht auf den Teller stapeln und am Ende nur die Hälfte essen. Die Rücksichtslosigkeit, anderen nicht einmal die Tür aufzuhalten – all diese Dinge musste er erst wieder neu verstehen lernen. Auch er selbst war oft genug Grund für Diskussionen. Ein Pfarrer im T-Shirt? Ohne Kollar? „Das sind doch Dinge, die kein Mensch brauch! Ich hatte jahrelang Feldzeugs von der Bundeswehr an. Da hat keiner gefragt: Wo ist denn dein Priesterkragen?“ Aber irgendwann hat er begriffen: Das sind eben verschiedene Welten. Für die Menschen in Deutschland sind es vielleicht andere Probleme, aber es sind eben ihre Probleme. Und es allen Menschen rechtzumachen, kann man erstens nicht und zweitens versucht er es auch gar nicht: „Einige sagen: Wir haben einen coolen Pfarrer. Andere mögen meine direkte Art nicht. Das ist eben so. Ich bin Thomas Stolz und ich bin so wie ich bin und ich nehme auch andere so, wie sie sind. Ich versuche, keinem auf die Füße zu treten und immer ehrlich zu sein.“

 

"Solange wie meine Knochen halten, werde ich unterwegs sein."

 

Dank seiner Kriegseinsätze hat er viele Orte der Welt kennengelernt: „Ich war in Turkmenistan, wer kommt schon nach Turkmenistan? Kein Mensch!“ Dieses Leben unterwegs, nie sesshaft werden, immer wieder auf neue Einsätze fahren und gebraucht zu werden, das war anstrengend, aber es hat ihm gefallen, denn es entspricht auch seinem Naturell. Thomas Stolz ist ein Mann mit Hummeln im Hintern – er braucht das Adrenalin und den Stress. Auch jetzt, auch im behüteten, sorgenfreien Paderborn. Er ist zuständig für 22.000 Katholiken, unter ihm arbeiten 107 Angestellte, er leitet sechs Gemeinden und hat die Hand über fünf Kindergärten. Da ist kein Tag wie der andere und immer ist etwas los: „Alle fünf Minuten bricht irgendein anderes Chaos aus. Aber das ist schön, das mag ich ja gerne.“

 

Und auch dieses Kapitel wird irgendwann schließen, so wie das mit dem Titel „Militärpfarrer“. Seine Abenteuerlust und sein Fernweh, neue Dinge zu erkunden, das wird ihm aber immer bleiben. Und deshalb überrascht es nicht, dass er jetzt schon einen Plan für den Ruhestand hat: „Ich werde aus diesem Haus gehen und bis nach Santiago de Compostela zu Fuß gehen. Solange wie meine Knochen halten, werde ich unterwegs sein.“

 

Autor: Sinah Donhauser

 

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